«Wie ein Blitz aus heiterem Himmel»

Der 49-jährige Anglistik-Professor Jürg Schwyter aus Siebnen SZ stand auf dem Höhepunkt seiner Karriere, als ihn ein Hirnschlag aus der Bahn warf. Heute hat er wieder ein Teilpensum an der Universität Lausanne.

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Die Broschüre Gutes Leben mit Aphasie porträtiert zehn aphasische Menschen: fünf Frauen und fünf Männer aus der Deutschschweiz, der Westschweiz und dem Tessin. Auf eindrückliche Art und Weise schildern sie, wie es zu ihrer Aphasie kam. Sie berichten, wie der Schicksalsschlag ihren Alltag veränderte und wie sie mit sprachlichen und motorischen Einschränkungen ein gutes Leben führen.

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«Der Hirnschlag markiert eine tiefe Zäsur in meinem Leben. War ich vorher ein erfolgreicher und anerkannter Professor für englische Sprachwissenschaft an der Universität Lausanne, der geforscht, gelehrt, intensive Studentenkontakte gepflegt und an internationalen Kongressen referiert hat, bin ich seit Freitag, dem 20. Februar 2009, nur noch ein Schatten meiner selbst, werde in akademischen Kreisen höchstens noch am Rande wahrgenommen und verbringe den grössten Teil meiner Zeit damit, die Reste meiner rechtsseitigen Lähmung und die nach wie vor bestehenden Beeinträchtigungen meines sprachlichen Ausdruckvermögens zu überwinden. Manchmal fühle ich mich so alt und müde wie ein Siebzigjähriger. Besonders ärgerlich macht mich die dreiviertelstündige Siesta, die ich jeden Mittag halten muss, will ich nicht am Nachmittag zusammenklappen. Trotzdem schätze ich mich sehr, sehr glücklich, dass ich wieder eine Vierzig-Prozent-Stelle an der Uni bekleide, allein gehen kann und dass sich mein Englisch und Schweizerdeutsch zu rund 80 Prozent erholt haben.

Was ist mir passiert? An jenem folgenschweren Morgen erwachte ich mit einer starken Erkältung und meldete mich an der Uni ab. Nachdem ich mir einen Kamillentee gekocht hatte, setzte ich mich ans Pult, um wenigstens die wichtigsten Mails zu beantworten. Ich weiss noch genau, wem ich gerade schreiben wollte, als mich der Schlaganfall wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf und zu ­ Boden streckte. Ich lag neben meinem Büchergestell, unfähig mich zu rühren und stumm wie ein Fisch. Ich spürte weder Schmerzen noch Angst, überlegte mir bloss unentwegt, was das alles zu bedeuten habe. Da Gunter, mein Lebenspartner, seine Verwandten in Deutschland besuchte, dauerte es geschlagene 36 Stunden, bis man mich überhaupt fand. Dank der Hartnäckigkeit meiner Schwester Raphaela, die vergeblich versucht hatte mich anzurufen, brachen schliesslich zwei Polizisten meine Wohnungstür auf. Der Ältere von beiden nervte mich zwar, weil er wiederholt fragte, welche Drogen ich denn genommen habe. Dann riefen sie aber doch die Ambulanz und brachten mich ins Universitätsspital Lausanne. Die Diagnose war eindeutig: schwerer Hirnschlag mit Hirnblutung.


Im Spital fühlte ich mich so geborgen, dass ich sofort eingeschlafen bin. Während den 36 Stunden auf dem Boden meines Arbeitszimmers hatte ich kein Auge zugetan. Meine Schwester hat mir später erzählt, dass ich in der ersten Zeit viel geweint habe. Daran kann ich mich nicht erinnern. Was ich aber noch weiss, ist, dass ich das Gefühl hatte, ich rede mit allen, mit den Ärzten, den Krankenschwestern, mit Gunter und Raphaela. Dabei brachte ich ja kein Wort heraus. Es war die sogenannte «Sprache des Gehirns», jener passive Teil der Sprache, der das Verstehen und Lesen ermöglicht und bei mir vollkommen intakt war, der mich dieser Wahrnehmungstäuschung aufsitzen liess.


Nach gut zehn Tagen wurde ich in die Rehaklinik Valens überführt. Immer noch im Rollstuhl, immer noch sprachlos. Doch dann erwachten meine Lebensgeister, und an Ostern begann ich wieder zu laufen oder besser gesagt zu humpeln. An Weihnachten beobachtete eine Ergotherapeutin die erste kleine Bewegung meines Daumens – welch ein Geschenk! Ich galt als das «Wunder von Valens», weil ich alle Übungen mit einem Rieseneifer betrieb. Verordnete man mir fünf, machte ich zehn. Meine Physiotherapeutin hatte mir erklärt, dass eine Bewegung erst nach 1000 bis 2000 Versuchen wieder im Gehirn gespeichert sei. Die sprachlichen Fortschritte verdanke ich meinem zweisprachigen Logopäden, der mir nach rund sechs Wochen die ersten Englischstunden gab.


Manche Menschen, die mich nicht kennen, meinen trotzdem, ich sei leicht debil oder lernbehindert, weil ich manchmal Mühe habe, ein Wort zu finden. Dann reden sie plötzlich überdeutlich und sehr laut mit mir. Um solche Situationen zu vermeiden, erkläre ich den Leuten von Anfang an, dass ich zwar einen Schlaganfall erlitten habe, aber geistig völlig in Ordnung bin. Das erspart mir unnötigen Stress.»